17. Dez 2011

Jugendsymposion

5. Kasseler Jugendsymposion:
„Jede Bildung muss ästhetische Bildung sein.“

Vier Tage lang – vom 8. bis 11. Dezember 2011 – widmeten sich 250 Jugendliche und junge Erwachsene von Waldorfschulen aus ganz Deutschland gemeinsam mit namhaften Rednern und Dozenten verschiedenster Disziplinen dem Thema „Ästhetik“. Dabei wurde deutlich, dass das Wesen der Ästhetik stark changiert, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Ästhetik „passiert“ irgendwo im Wechselspiel zwischen den Objekten selbst, dem wahrnehmenden Subjekt und dem Wahrnehmungsvorgang.

Schon die Eröffnungsveranstaltung im Staatstheater Kassel war ein (ästhetisches) Erlebnis der besonderen Art für die 250 Jugendlichen. Nach der Begrüßung durch Veranstalter Prof. Dr. Wilfried Sommer, einem Vortrag zur Inszenierungsästhetik von Operndirektorin Dr. Ursula Benzing und einem stilvollen Empfang im Opernfoyer erlebten die Jugendlichen die Generalprobe der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“. Die Kasseler Inszenierung bot im weiteren Verlauf des Symposions jede Menge Gesprächsstoff.

In den Plenarvorträgen konnten verschiedene Schlaglichter auf das Phänomen „Ästhetik“ geworfen werden. Der Hamburger Komponist Benedikt Burghardt brachte die Schüler/innen und Studierenden in Kontakt mit ihrer eigenen ästhetischen Erlebnisfähigkeit, indem er zunächst ein intensives Fremdheitserlebnis mit einem persönlich präsentierten Klavierstück Arnold Schönbergs erzeugte, das sich im Verlauf des Vortrags über genaues Hören sowie Singen einzelner Klänge mit der aufmerksamen Hörerschaft mehr und mehr auflöste und in ästhetisches Erleben mündete.
Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann von der Universität Kassel lieferte am Nachmittag in seinem Vortrag die psychologische Erklärung: Ist der Grad der Fremdheit eines betrachteten Objekts zu hoch, entsteht keine Neugier, die aber Voraussetzung ist für einen spezifischen Spannungszustand, der dem ästhetischen Erleben vorausgeht, erläuterte der Persönlichkeits- und Sozialpsychologe.
Der Jenaer Wahrnehmungsphilosoph Prof. Dr. Lambert Wiesing konfrontierte mit seiner These vom MICH der Wahrnehmung, der zufolge unser Verhältnis zwischen Subjekt und dieser Welt kein interpretatives, sondern ein partizipatives ist. „Wenn Sie wahrnehmen sollen, müssen Sie selbst dabei sein: Wahrnehmung führt zur Partizipation. Nur gegenüber Bildern können wir wirklich Zuschauer sein und in eine ‚Partizipationspause‘ eintreten“, so der Experte für vergleichende Bildtheorie.
Der Architekturprofessor Pieter van der Ree führte dem Plenum in einer Reise durch die Geschichte der Architektur vor Augen, dass Architektur als „Bedeutungsträger“, als ein Phänomen, das „bis in die Körperlichkeit“ wirkt, gewissermaßen den Hintergrund ästhetischen Erlebens bildet.
Prof. Dr. Jost Schieren von der Alanus Hochschule Alfter beleuchtete eine philosophische Dimension von Ästhetik. Er machte auf die Problematik aufmerksam, dass wir gegenwärtig in einem Dualismus zwischen Mensch und Welt gefangen seien. Ein von den Dingen getrenntes Bewusstsein führe dazu, dass wir uns die Welt, die Natur so zu Nutze machen, dass wir unsere zivilisatorischen Bedürfnisse befriedigen. Schieren plädierte für „die Wiedererschließung eines schöpferischen Bewusstseins.“

Das thematisch breit gefächerte Kursprogramm ermöglichte es den Jugendlichen, individuelle Schwerpunkte für eine vertiefende Auseinandersetzung mit Fragen der Ästhetik zu wählen. Über die „Schönheit und Ästhetik in der Mathematik“ war da zu lernen, über „Farbe und Schönheit aus naturwissenschaftlicher und philosophischer Sicht“. „Friedrich Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ konnten behandelt werden, ebenso wie „Schönheitsideale im Wandel der Zeit“. Im Seminar „Von Konsonanz und Dissonanz“ konnten musikästhetische Aspekte am Beispiel von Chorliteratur betrachtet werden und anderes mehr.

Am „Abend im Zeichen der dOCUMENTA (13)“ wurde der Fokus der Teilnehmer/innen bereits in die Zukunft gelenkt: Im Rahmen des 6. Kasseler Jugendsymposions, das unter dem Thema „Kulturen“ steht, werden die Jugendlichen die weltbekannte Kunstausstellung besuchen. Ein Mitarbeiter des documenta-Archivs (Dr. Friedhelm Scharf), eine Kunstprofessorin (Prof. Dr. Susanne Schröer) sowie der renommierte und in Kassel für seine documenta-Arbeit bekannte und viel geschätzte  Autor Dirk Schwarze versorgten mit allen erforderlichen Informationen zur dOCUMENTA (13).
Mit einer Aufgabe für das 6. Jugendsymposion und einem Ausblick auf die hundert Tage dauernde Kunstausstellung durch Friederike Siebert von der Abteilung Maybe Education and Public Programs der dOCUMENTA (13) wurden die frisch gebackenen Ästhetik-Experten nach einer intensiven Reflexion des Erlebten von den Veranstaltern Stephan Sigler, Wilfried Sommer und Michael Zech aus der Tagung entlassen.

Wir – das Organisationsteam der Kasseler Jugendsymposien – danken der Freien Waldorfschule Kassel für die freundliche Unterstützung bei der Durchführung der Veranstaltung, für die Möglichkeit die Räume zu nutzen und auf diverses Equipment zurückzugreifen, auch für das Verständnis der Lehrerinnen und Lehrer, dass die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler am Freitag den Unterricht nicht besuchen konnten. Ein herzlicher Dank gilt den "Gelbschals" – den Schülerhelferinnen und -helfern aus der Kasseler Waldorfschule – die mit ihrem tatkräftigen Einsatz zum reibungslosen Gelingen und zum besonderen Charme dieses Symposions und der vier Symposien davor beigetragen haben; nicht zu vergessen Rashid Kouadria und sein Küchenteam, die für die gute Mittagsverpflegung gesorgt haben.

www.jugendsymposion-kassel.de